Wer bezahlt die KI-Wette?
Wenn einzelne Tech-Konzerne mehr wert sind als ganze Volkswirtschaften, geht es nicht mehr nur um Technologie. Es geht um systemische Risiken. Auf dem Spiel stehen auch unsere Vorsorgegelder.
Es ist ein Remake. Ende der 1990er-Jahre hiess das grosse Versprechen: Internet. Die Technologie war real, der Nutzen ebenso. Völlig irreal waren die Erwartungen an den Finanzmärkten. Bewertungen lösten sich von der Realwirtschaft. Kapital floss in astronomischen Mengen, bis die Dot-Com-Blase platzte. Geblieben ist das Internet. Verschwunden ist viel Geld.
Beim aktuellen KI-Rennen gibt es erstaunlich viele Parallelen. Wieder geht es um eine Technologie mit echtem Potenzial. Und wieder sehen wir Bewertungen, die kaum mehr etwas mit realisierbarer Wertschöpfung zu tun haben. Wenn wie NVIDIA ein einzelner Chip-Hersteller an der Börse mehr wert ist als alle börsenkotierten Unternehmen der Schweiz zusammen, dann ist das vor allem Ausdruck von immensem Erwartungsdruck.
Dieser Druck ist nicht abstrakt. Er wirkt. Die Milliardeninvestitionen in Rechenzentren, Modelle und Infrastruktur verlangen nach Rendite. Und zwar nicht irgendwann, sondern bald. Die Folge: Die Kosten werden mit brachialen Methoden weitergereicht: An KMUs, Verwaltungen und letztlich an uns alle. Über Lizenzen, Abonnemente und Funktionen, die oft mehr aufgedrängt als nachgefragt werden.
“KI-Zwangskosten” aufgedrückt von den Tech-Konzernen
Die zentrale Frage ist simpel: Was passiert, wenn die Gewinnerwartungen nicht erfüllt werden? Die Branche findet Wege, überrissene Investitionen zu monetarisieren. Der Druck steigt: technisch, vertraglich und preislich. De facto entsteht so etwas wie KI-Zwangskosten für die Realwirtschaft, eingezogen von einer Handvoll unglaublich mächtiger Digitalkonzernen. Dass die Wettbewerbskommission nun Hinweisen nachgeht, ob Microsoft die marktbeherrschende Stellung in der Schweiz missbraucht, zeigt, dass die Thematik auch in den Schweizer Institutionen angekommen ist.
Es gilt nun klug politisch zu handeln, natürlich mit Rahmenbedingungen für offene und souveräne technologischen Alternativen, aber auch mit einem klaren Blick auf das Geschehen an den Finanzmärkten. Denn in der KI-Blase stecken auch unsere Vorsorgegelder. Wenn die Blase platzt, zahlen wir die Zeche doppelt: einmal als Nutzer und einmal als Versicherte. Digitale Unabhängigkeit ist deshalb vor allem auch eine Frage nachhaltiger Anlagepolitik; dies in ökologischer, sozialer aber eben auch wirtschaftlicher Hinsicht. Höchste Zeit, das Drehbuch umzuschreiben.
Hinweis: Dieser Text ist als Gastbeitrag in der Zeitschrift Agéfi erschienen