Holen wir uns das Internet zurück
Die Anfänge des Internets waren hoffnungsvoll, ja euphorisch. Plötzlich stand eine Technologie zur Verfügung, die es niederschwellig ermöglichte, sich weltweit über alle Grenzen hinweg in Echtzeit auszutauschen. Die so erschlossene Schwarmintelligenz hat wunderbare Dinge hervorgebracht – allen voran die Wikipedia, bis heute ein Leuchtturm des kollaborativen, inklusiven und offenen Internets. Das Internet ist eine fantastische zivilisatorische Errungenschaft. Inzwischen ist die Euphorie allerdings einer wachsenden Desillusionierung gewichen.
Privatsphäre und Demokratie bleiben auf der Strecke
Plattformen, KI-Portale und Suchmaschinen steuern mit ihren Algorithmen Aufmerksamkeit und verstärken Inhalte – optimiert nicht für Erkenntnis, sondern für maximale Interaktion. Desinformationen verbreiten sich schneller als Richtigstellungen, Empörung wird zur Währung. Je stärker die Emotion, desto höher die Klickrate, desto mehr Rendite. Jede gesellschaftliche Meinungsverschiedenheit wird zum unüberwindbaren Graben emporstilisiert. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche. Auf der Strecke bleiben Privatsphäre, psychische Gesundheit und Demokratie,was von denjenigen, die bewusst spalten wollen, genauso gewollt ist. Wir müssen uns entscheiden: Dient das Internet den Menschen oder auf Höchstrendite getrimmten Geschäftsmodellen und geopolitischer Manipulation?
Tech-Konzerne in die Pflicht nehmen
Genau hier setzt die kürzlich lancierte Internet-Initiative an, die der Unternehmer Guido Fluri angestossen hat und die von Parlamentsmitgliedern aller Parteien mitgetragen wird. Sie will klare Verantwortlichkeiten festlegen, wo derzeit Intransparenz herrscht. Plattformen und Anbieter von KI-Systemen dürfen sich nicht mehr damit begnügen, ihre Reichweite zu optimieren. Sie müssen verpflichtet werden, aktiv zur Risikobegrenzung beizutragen. Es geht um einen Wandel: weg von der Maximierung der Aufregung, hin zur Qualität im digitalen öffentlichen Raum.
Plattformen regulieren – ja, aber das reicht nicht
Regeln für Plattformen sind nötig. Doch sie allein lösen die vielschichtigen Probleme nicht. Wer Desinformation und Hassrede wirksam bekämpfen will, braucht gleichzeitig starke öffentliche und private Medienangebote als echte Alternativen zur schrillen Fake-News-Kakofonie. Zugleich ist auch die breite Förderung der Medienkompetenz wichtig, damit Menschen Inhalte kritisch einordnen können. Regulierung, Alternativen und Bildung gehören zusammen.
Holen wir uns das Internet zurück und machen es zu einem sicheren, fairen und offenen Raum, in dem Kreativität, Innovation und demokratische Teilhabe gedeihen. So wird der virtuelle Raum zu einer sinnvollen Erweiterung unserer Lebenswelt – zugänglich allen, die konstruktiv daran teilhaben wollen.
Hinweis: Dieser Text ist als Gastbeitrag in der Zeitschrift Agéfi erschienen