Stillstand ist keine Strategie
Die Bundeskanzlei hat es mit ihrem Proof of Concept bestätigt: Die Cloud-Version von Microsoft Office durch freie, souveräne Lösungen zu ersetzen ist machbar. Für Kenner des Markts keine Überraschung. Aber ein wichtiges Signal.
Das Problem geht über Word oder Excel hinaus. Es liegt in der Verflechtung mit Fachanwendungen und in jahrzehntelang eingeübten Gewohnheiten. Anspruchsvoll, gewiss, aber keine Raketenwissenschaft. Schleswig-Holstein macht es vor: mit dem vollständigen Ausstieg aus der Microsoft-Office-Suite spart das Bundesland erhebliche Kosten, gewinnt an Unabhängigkeit und schafft lokale Wertschöpfung. Und je mehr Länder und private Unternehmen diesen Weg gehen, desto gangbarer wird er. Möglich macht das «Koopetition», die über Jahrzehnte durch die Open Source Comunity perfektionierte Fusion aus Wettbewerb und Zusammenarbeit.
Die Open-Source-Bürotools von heute sind nicht mehr die wackeligen Alternativen von einst. Als täglicher Nutzer beider Welten kann ich bestätigen: freie Tools sind mächtig und proprietären oft sogar überlegen. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche, schleppen keinen alten Ballast mit sich und zwingen keine Funktionen auf, die wenig Mehrwert bringen, aber an den Nerven zehren.
Und der Cloud Act war schon vor Trump ein Problem: Er erlaubt der US-Regierung den Zugriff auf Daten, die von amerikanischen Unternehmen beherrscht werden, unabhängig davon, wo deren Server stehen. Heute kommt das Risiko hinzu, dass Dienste sogar abgeschaltet werden. Die Trump-Regierung hat genaudies beim unliebsamen Internationalen Strafgerichtshof vergangenes vorgeführt. Wer glaubt, das könne nicht auch anderen geschehen, irrt sich in der Epoche.
In der Bundespolitik bewegt sich einiges. Das Parlament hat zehn Millionen Franken aus dem Armeebudget für die Entwicklung einer Open-Source-Alternative zu Microsoft Office für die gesamte Verwaltung gesprochen. Es hat zudem 250 Millionen Franken für die Swiss Government Cloud bewilligt, die bevorzugt mit Open-Source-Technologien umgesetzt werden soll. Und es hat mit dem Behördendigitalisierungsgesetz EMBAG, verabschiedet, das die Veröffentlichung von Digitalisierungsprojekten des Bundes als Open Source vorschreibt.
Es geht um viel: Der Bund gibt jährlich 1,7 Milliarden Franken für seine Digitalisierung aus. Jeder Franken, der in souveräne Lösungen fliesst, schafft Mehrwert auf mehreren Ebenen: für alle Nutzenden, die von offenen und sicheren Diensten profitieren, fürSchweizer Unternehmen, die sich auf einem zukunftsträchtigen Markt positionieren, und für die Gesellschaft als Ganzes durch digitale Gemeingüter, deren Wirkung den ursprünglichen Mitteleinsatz um ein Vielfaches übersteigt. Das ist zugleich ein Beitrag zum Generationenprojekt der digitalen Souveränität. Die Schweiz hat das Zeug, dabei eine führende Rolle zu spielen.
Hinweis: Dieser Text ist als Gastbeitrag in der Zeitschrift Agéfi erschienen